Wege aus der Kinderarmut: „Das ganze System taugt nichts“

Triste Betonw¸steDer Kinderschutzbund unterstützt die Forderung nach Urlaubsgutscheinen für Kinder aus armen Familien. Allerdings wertet Präsident Hilgers die Idee höchstens als Notlösung. Im Interview kritisiert er das gesamte System der Kinderförderung in Deutschland als ungerecht.

 

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung hält solche Urlaubsgutscheine für arme Familien für unnötig, weil es in den Kommunen schon viele geförderte Ferienangebote für Kinder gebe. Stimmt das?

 Hilgers: Das stimmt in der Regel leider nur dort, wo das Angebot am wenigsten gebraucht wird. Familienerholung und Kinderfreizeiten werden in Deutschland als freiwillige Leistungen der Kommunen behandelt. Genügend Geld für gute Angebote gibt es daher meistens nur in solchen Städten und Landkreisen, in denen die Steuereinnahmen hoch sind. Und das sind überwiegend gerade nicht die Kommunen, in denen sehr viele Familien mit geringem Einkommen leben.

SPIEGEL ONLINE: Wo wäre der Bedarf denn besonders groß?

Hilgers: In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Bremen und Teilen Nordrhein-Westfalens zum Beispiel. Aber gerade dort gibt es viele Kommunen, die hoch verschuldet sind und so gut wie gar nichts machen können.

SPIEGEL ONLINE: Würden vom Bund finanzierte Urlaubsgutscheine, die etwa von der Linkspartei gefordert werden, helfen?

Hilgers: Das wäre nur eine Notlösung. Im Grunde taugt unser ganzes System der Kinderförderung nichts. Es erzeugt nur viel Bürokratie und ist ungerecht. Wer sehr gut verdient, bekommt vom Staat hohe Steuererleichterungen pro Kind und deshalb viel mehr Unterstützung als arme Familien, denen nur das niedrigere Kindergeld bleibt. Eigentlich müsste es genau andersherum sein.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie ändern?

 Hilgers: Wir sind für eine Kindergrundsicherung. Die Eltern erhielten dann für jedes Kind etwas mehr als 500 Euro pro Monat und müssten diesen Betrag versteuern. Im Gegenzug kann man alle anderen bisherigen Leistungen abschaffen, also Dinge wie den Kinderzuschlag, den Unterhaltsvorschuss, das Kindergeld und die Kinderfreibeträge. Auch die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder wären nicht mehr nötig, weil alles durch die Grundsicherung abgedeckt würde.

SPIEGEL ONLINE: Unterm Strich wäre ihr Modell wohl teurer?

Hilgers: Es gibt keine sinnvolleren Ausgaben für einen Staat als Investitionen in Kinder. Im Moment investieren wir vor allem in eine gigantische Bürokratie. Beim Bildungs- und Teilhabepaket etwa, nach dem es zehn Euro zusätzlich pro Monat und Kind für Kultur, Sport und Freizeit gibt, erzeugt der Staat mehr als doppelt so viele Ausgaben für Verwaltung und Kontrolle als bei den Leuten ankommt. So verspielen wir unsere Zukunft.

Das Interview führte Matthias Bartsch

Bild und Text: www.spiegel.de

Schreibe einen Kommentar